Am Polarkreis gepinkelt

Norwegen – ein Land bei dem ich an wilde Typen in Holzbooten denke, an blonde Frauen und Lachs. An Berge, Meer und Nordlichter.
2011 ergibt sich endlich die Gelegenheit, das Land im Norden mit eigenen Augen zu sehen. Ein Bekannter hat dort eine Ferienanlage in einer wunderschönen Gegend.

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Wir sind zu fünft, meine Eltern, mein Bruder, mein Mann und ich. Wir beschließen, mit dem Passat meiner Eltern zu fahren, um mehr Gepäck mitnehmen zu können. Der Passat ist so voll beladen, dass mein Vater und mein Mann nicht zusammen auf der Rückbank sitzen können, da dann der Radkasten an den Reifen schleift.
Da wir alle fünf Fahrer sind, wollen wir die Strecke komplett durchfahren, ohne größere Pausen. Laut Google Maps sind das 30 Stunden. Es gibt zwei Möglichkeiten um an unser Ziel zu kommen:


Wir machen einen großen Fehler, als wir uns für die zweite Möglichkeit, also den kompletten Weg durch Norwegen, entscheiden. Denn in den letzten Tagen hat es dort viel und heftig geregnet und die E6 führt streckenweiße direkt an Flüssen vorbei.
Wir sind seit 35 Stunden unterwegs, es ist 5 Uhr morgens, als vor uns auf der Straße ein eingemummelter Norweger in neongelb auftaucht, der eine Schranke bewacht.
Er erklärt uns, dass wir der E6 nicht weiter folgen können und eine Umleitung fahren müssen. Wir folgen also seiner Beschreibung und landen auf einem verschlafenen Firmenhof. Die Straße ist hier zu Ende und geht in einen Schotterweg über. Müde, verspannt und genervt wagen wir es also, mit unserem bis auf den letzten Millimeter vollgestopften Passat, auf diesen mit Schlag- und Schlammlöchern übersähten Weg.
Nach einigen hundert Metern fällt uns ein alamierendes Geräusch auf. Wieder der Radkasten, der am Reifen schleift? Nach kurzer Suche finden wir die Ursache: durch die heftigen Schlaglöcher haben sich an einem Rad die Radmuttern gelöst. Das hätte böse ausgehen können.
Ihr erinnert euch – der Kofferraum ist maximal vollgestopft – das Radkreuz ist natürlich ganz unten. Unsere Stimmung auch.
Wir fahren weiter und erreichen eine Brücke. Zumindest vermuten wir, dass unter dem tosenden Fluß, der plötzlich den Weg verschluckt, irgendwo eine Brücke ist. Hier kommen wir nicht weiter, wir müssen umkehren zum neongelben Mummel-Norweger und seiner Schranke. Als wir die Stelle erreichen, ist die Schranke unbewacht. Was bleibt uns anderes übrig, wir müssen es versuchen. Wir umfahren die Schranke und erreichen nach ein paar Minuten einen Teich, der sich sehr ungeschickt mitten auf der Straße plaziert hat. Augen zu und durch! Geschafft, das Wasser war nicht sehr tief. Nach kurzer Zeit taucht der nächste Teich auf, deutlich größer als der erste. Neben der Straße windet sich ein schlamiger Weg die Böschung hinauf. Auch hier haben wir keine Wahl, wir holpern den Pfad entlang, steil hinauf, steil hinab. Der Weg stößt wieder auf die Straße, aber vor dem Ende des Teichs. Der Passat sticht in See…und am Amaturenbrett blinkt und piept es. Das ist wohl zu viel Wasser für die Elektronik.
Zum Glück sind es nur wenige Meter. In der Hoffnung, dass das Schlimmste hinter uns liegt, fahren wir auf der (eigentlich gesperrten) E6 weiter bis es wieder heißt: Land unter. Aber diesmal verschwindet die Straße einfach im Fluss und da unser Passat weder fliegen noch schwimmen kann, sind wir ziemlich verzweifelt. Wir kehren um und halten an einer Tankstelle. Spontan kaufen wir eine Karte von der Gegend und versuchen der Dame hinter der Theke das Geheimnis der norwegischen Verkehrswege zu entlocken. Es kann doch nicht sein, dass es hier nur eine Straße gibt? Gibt es nicht einen anderen Weg? Sie schüttelt den Kopf, hat die Ruhe weg. Wahrscheinlich kommt sie mit dem Helikopter zur Arbeit, deshalb stört es sie nicht, dass alles überschwemmt ist. Ich suche auf der Karte einen Ort, der abseits der E6 in den Bergen liegt. Welchen Weg sie nimmt, wenn sie in dieses Dorf möchte? Da möchte sie eigentlich nie hin. Ja, aber wenn doch? Dann würde sie da vorne abbiegen und den Berg hinauf fahren. AHA!
Ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Wir springen ins Auto und machen uns auf die Suche nach der Abzweigung. In Deutschland würden wir hier von einem Feldweg sprechen. Aber es ist kein Wasser weit und breit, es geht stetig bergauf. Wir erreichen ein Dorf mit Häusern, die aus Wikingerzeiten zu stammen scheinen. Auf der Straße tummeln sich Schafe. Putzig.

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Nach ein paar Stunden kommen wir wieder auf eine befestigte Straße. Eine Zeit lang regnet es nicht, sogar die Sonne blinzelt kurz zwischen den Wolken hindurch.

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Als wir Trondheim erreichen hat sich die Sonne allerdings wieder vollständig versteckt und der Himmel hat seine Schleusen erneut geöffnet. Das Wasser steht so hoch auf der Straße, dass das verdrängte Wasser an den Seiten so hoch spritzt, dass ich nichts mehr sehen kann. Langsam wird es finster, eine Mischung aus Dämmerung und Gewitter.
Wir fahren zwischen Bergen hindurch, als das Wohnmobil vor uns plötzlich stehen bleibt. Direkt vor ihm ist die Straße weg gebrochen. Unter der Straße befindet sich ein Wasserlauf, wie man das in den Bergen oft sieht. Das kleine Rinnsal hat sich in ein tosendes Monster verwandelt. Ich bin mir sicher, wir werden niemals ankommen, wir müssen umkehren. Der Fahrer des Wohnmobils bedeutet uns, umzudrehen und ihm zu folgen. Ich bin mir sicher, dass Gott ihn geschickt hat, er ist Norweger, spricht Deutsch und kennt die Gegend. Und einen Fluchtweg. Jetzt heißt es schnell sein, hinter uns stehen inzwischen zahlreiche PKWs und lange LKWs. Die haben hier keine Chance zu wenden. Der norwegische Engel rast voraus. Unglaublich, mit welchem Tempo er sein Wohnmobil durch den Regen jagt. An einer unscheinbaren Gabelung mit einer Schranke biegt er ab auf einen Pfad voller Schlaglöcher. Straßenbau ist definitiv keine von Norwegens Stärken.
Wir umfahren einen Berg, müssen das Gaspedal voll durchdrücken um den Engel nicht zu verlieren. Nach Stunden stoßen wir wieder auf die E6. Von der Abzweigung aus, aus der wir herausfahren, können wir die Absperrung sehen. Wir sind nur wenige Meter von der weggebrochenen Stelle entfernt, diesmal allerdings auf der anderen Seite. Wir halten an und bedanken uns bei unserem Engel. Er erklärt uns, dass er so schnell fahren musste, weil die Gefahr bestand, dass auch der Umweg durch Erdrutsche und Überschwemmung hätte unpassierbar werden können. Wir sind überglücklich, dass er uns geholfen hat.
Nach weiteren endlosen Stunden erreichen wir den Polarkreis. An der Straße steht ein Bauwagen aus Holz. Darin brennt ein einladendes, warmes Licht. Es ist eine Toilette. Überhaupt gibt es in Norwegen viele Toiletten an der Straße. Draußen laufen Menschen herum und machen Bilder von der Mondlandschaft. Mir kommt der Bauwagen gerade recht. Ich nehme kaum wahr, wie es hier aussieht und dass die Stelle etwas Besonderes ist. Ich bin zu müde und muss dringend pinkeln. Am Polarkreis gepinkelt zu haben, wer kann das schon von sich behaupten?
Die weitere Fahrt verläuft ohne Regen und Überflutung. Wir nehmen kaum noch etwas wahr von der Landschaft, die immer schöner wird.
Nach 45 Stunden erreichen wir endlich unser Ziel. Es ist Sonntag Nacht und taghell. Wir schleppen uns in unsere Holzhütte und fallen ins Bett. Wir sind tatsächlich angekommen, ich habe nicht daran geglaubt.

Die Mühe hat sich gelohnt, Norwegen ist wunderschön! Bestimmt kommen wir wieder. Aber dann mit dem Flugzeug…

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7 Kommentare

  1. gummibärchen

    Ich kann nur begeistert zustimmen , ich war dabei Norwegen ist ein schönes Land .-würde auch nochmal hingehen aber dann auch nur mit dem Flieger, obwohl fliegen nicht meine Leidenschaft ist.

  2. wahnsinn, was für eine geschichte!!
    und ich dachte schon, meine reise nach südtirol mit nächtlichem unfall und weiterfahrt mit einem opel agila (treckerniveau) von nürnberg über den brenner nach meran, wäre aufregend gewesen!
    aber die reise hat sich anscheinend wirklich gelohnt, die bilder sind der hammer! aber ich entscheide mich dann doch lieber fürs fliegen…

    hab ein schönes restwochenende!

    herzensgrüße
    nadine

  3. Norwegen, ein tolles Land.

    Deine Bilder wecken solche Sehnsüchte und Erinnerungen, denn der erste große Urlaub von meinem heutigen Mann und mir ging nach Norwegen, im R 4!!!!
    herzliche Grüße
    Judika

  4. Hallo ihr Lieben,

    vielen Dank für eure Kommentare!
    Vielleicht sollten wir mal alle einen Post über unsere verrückteste Urlaubsgeschichte schreiben. Das wäre doch bestimmt ziemlich interessant.

    Liebe Grüße und eine schöne Woche!

  5. Am Freitag gehts für meinen freund und mich mit einem campingbus nach Dänemark, Norwegen und Schweden- hoffentlich mit besserem wetter 😀 Bei deinen tollen bildern steigt die Vorfreude ins unermessliche !!!
    Liebe grüße Clara 🙂

Yea, ein Kommentar! Ich freu mich!