Mein Weg zum Weniger {Minimalismus}

„Weniger ist mehr“ heißt es ja so schön. Aber weniger kann auch weniger sein. Weniger Arbeit zum Beispiel. Weniger Unordnung. Weniger Suchen. Weniger Müll.
Die Kunst des einfachen Lebens. Ich beherrsche sie nicht, noch nicht. Aber sie scheint mir erstrebenswert.

Die ersten wirren Gedanken dieser Art begannen im Herbst letzten Jahres durch mein konsumorientiertes Hirn zu geistern. Eigentlich durch nichts Bestimmtes ausgelöst, waren sie plötzlich da und verzweigten sich langsam in alle Lebensbereiche. Hat man die Richtigkeit solcher Gedanken erst einmal erkannt, gibt es kein Zurück mehr. Dann muss man die nächsten Schritte gehen, auch, wenn sie hart sind. Das ist wie mit dem Rauchen – ist die Information, dass es einem auf Dauer schadet erstmal bis zum Hirn durchgedrungen, ist das Problem noch lange nicht gelöst. Der schwierige Teil kommt dann erst.
Genauso verhält es sich mit dem Minimalismus. Minimalismus ist eine Lebenseinstellung und nicht etwa eine andere Bezeichnung für „Ausmisten“ oder „Frühjahrsputz“.

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Das Streben nach weniger scheint seit Beginn des Jahres aktueller denn je – auf Instagram liest man immer wieder davon, dass aussortiert und geordnet wird. Einige Kollegen haben auch schon Artikel darüber auf ihren Blogs veröffentlicht. Fällt mir diese Häufung nur deshalb so auf, weil ich selbst schon so lange darüber nachdenke? War es vielleicht in den vergangenen Jahren genauso und ich habe es nur nicht wahr genommen, weil meine Gedanken um andere Themen kreisten? Oder ist unsere Gesellschaft endlich an einem Punkt angelangt, an dem es einfach nicht mehr weiter geht, was den unaufhörlichen Konsum betrifft? Haben wir endlich begriffen, dass wir längst alles haben, was wir brauchen und noch viel mehr? Und dass es uns nicht, wie erwartet, Zufriedenheit bringt, sondern uns erdrückt und belastet?

Ich habe mich in den letzten Monaten sehr mit diesem Thema beschäftigt, aber die Gedanken waren nicht wirklich greifbar, ich konnte noch nicht genau in Worte fassen, was es war, was da in mir arbeitete.

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Auf Instagram habe ich hin und wieder ein paar Anregungen zum Aussortieren gegeben, aber damit ist es längst nicht getan. Mir geht es nicht nur darum, dass ich den Überblick über meinen Besitz längst verloren habe und mir das zu denken gibt. Mir geht es nicht nur um mehr Ordnung und Übersicht im Haus. Da ist noch etwas Anderes und das wiegt schwerer, als die Unruhe, die die vielen Besitztümer in mein Leben bringen.
Es ist das Bewusstsein – und ich meine nicht nur das Wissen, sondern wirklich das tiefgreifende Bewusstsein – wie dekadent und unverhältnismäßig ich mich verhalte, indem ich im Überfluss lebe, während andere nicht einmal das haben, was sie zum Überleben brauchen.
Nein, das ist tatsächlich im Grunde nichts Neues. Aber wie gesagt, etwas zu wissen bedeutet nicht, dass man es auch begriffen hat.
Natürlich kann ich mich nicht von heute auf morgen von allem trennen, was keinen Nutzen hat. Dafür war ich viel zu lange Materialist. Ich will versuchen, einen Weg zu finden, der mir nicht alles abverlangt und mit dessen Resultat ich mich in jeder Hinsicht wohl fühle. Ich mache mir keine Illusionen, das wird nicht mit ein paar Aufräumaktionen getan sein. Dazu gehört auch, dass ich mich intensiv mit mir auseinander setze.
Eine zentrale Frage des Minimalismus ist, ob ich meine Dinge besitze, oder sie mich. Im Moment – und das ist erschreckend – muss ich wohl zugeben, dass meine Dinge mich besitzen. Es fällt mir schwer, mich von ihnen zu trennen, auch, wenn sie keine emotionale Bedeutung für mich haben. Wann immer ich einen Gegenstand mit dem Vorhaben betrachte, ihn weg zu geben, entsteht ein innerer Konflikt, der oft dazu führt, dass ich den Gegenstand behalte, auch wenn er dann weiterhin in einem Karton liegen bleibt.
Was mir hilft, mich leichter von Dingen zu trennen ist, dass ich beschlossen habe, den Erlös, den ich mit deren Verkauf erziele, an ein Waisenhaus in Tansania zu spenden. 2005 habe ich ein Praktikum bei einer Missionarsfamilie in Tansania gemacht und die beiden Töchter der Familie leiten jeweils ein Waisenhaus dort. Der Gedanke, dass ich jemandem helfe, indem ich mich von einem Gegenstand trenne, erleichtert diese Aufgabe ungemein.

Im traditionellen Japan ist Minimalismus die Norm. In den einfachen Behausungen hat jeder Gegenstand einen festen Platz und eine sinnvolle, unverzichtbare Funktion. Die Japaner gehen sogar soweit, dass sie sagen, das Einzige, was in einem Raum die Persönlichkeit des Bewohners offenbaren soll, ist die Person selbst. Persönliche Habseligkeiten, sofern überhaupt vorhanden, werden nicht offen zur Schau gestellt.

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In unserer Gesellschaft gilt es dagegen als erstrebenswert, möglichst viel Persönlichkeit in den Wohnstil einfließen zu lassen. Wie immer ist wohl auch hier ein Mittelweg sinnvoll.
Die Japaner betrachten alle unnützen Besitztümer als Ablenkung von dem, was wirklich Bedeutung hat und das finde ich sehr bemerkenswert. Ein gutes Beispiel dafür sind meine vielen Zimmerpflanzen. Der Pflegeaufwand wurde immer größer und ich verbrachte immer mehr Zeit damit, zu gießen, abzustauben und so weiter. Zeit, die ich eigentlich gerne für andere Dinge verwenden würde. Deshalb habe ich beschlossen, mich von einem Großteil der Pflanzen zu trennen und mich nur noch auf ein paar wenige, besondere zu konzentrieren.

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Gegenstände, die herumstehen, sammeln Staub an und meine Gedanken kreisen oft um die perfekte Anordnung der Objekte. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich ein Regal anstarre und darüber nachdenke, wie ich es besser dekorieren kann. Dabei stehen so viele Objekte zur Auswahl, dass ich mich oft nicht entscheiden kann, was wo am besten wirkt.
Oft ist es allerdings so, dass ein Objekt am besten alleine wirkt. Wenn sich in einem Raum nur wenig Deko befindet, kommen die wenigen Stücke deutlich besser zur Geltung und bekommen einen besonderen Stellenwert. Die Kunst dabei besteht darin, dass der Raum trotzdem nicht leer und langweilig wirkt. Das erreicht man unter anderem dadurch, dass man in hochwertige Stücke investiert, statt sich den Raum mit irgendwelchem Krempel voll stellt, der gerade angesagt ist. Das gleiche gilt für Kleidung – lieber weniger und dafür hochwertig und zeitlos.

Ich werde hier immer mal wieder meine Gedanken mit euch teilen und für alle, die diesen Weg ganz oder ein Stück weit mit mir gehen wollen, werde ich ab und zu ein paar Anregungen für einzelne Bereiche geben. Auf Instagram könnt ihr eure Bilder zu dem Thema mit dem Hashtag #livemorewithlesschallenge versehen und andere User mit euren Erfahrungen inspirieren.
Dabei freue ich mich natürlich, wenn ihr eure Erfahrungen und Tipps auch hier mit mir teilt, viele beschäftigen sich ja schon deutlich länger mit dem Thema.

11 Kommentare

  1. Liebe Pepper,

    Sehr spannend und richtig das Thema!
    Das beschäftigt mich auch und treibt mich
    auch an!
    Ich bin gespannt, wie du es auf dem Blog,
    auf Insta und mit Kooperationen umsetzt,
    denn jede Koop brachte dir bisher ja auch
    viel Neues ins Haus.
    Diese Materialschlachten und das permanente Auspacken gesponsorter Päckchen auf vielen Accounts auf Insta hat mich vor Weihnachten wirklich sehr betroffen und fast schon schockiert. Das war zu viel, besonders bei dem ganzen Elend auf der Welt. Es brachte für mich noch mal enorm viel
    Schub und Energie, den Minimalismus, so wie er zu uns passt, fortzusetzen, und noch selektiver zu konsumieren…

    Herzliche Grüße!
    Julia

  2. Oh was für ein Thema..Minimalismus ist ja schon beinahe Top bei den Bloggern u.Instas.
    Ja es ist auch ein Thema was mich beschäftigt.. und dein Absatz ob du die Dinge besitzt oder sie dich besitzen , gefällt mir sehr. Wie wahr das doch ist.
    Nun in Japan ist das schon lange nicht mehr so wie du schreibst,ich habe 11Jahre in Japan gelebt,und ich kann dir nur sagen,die Wohnungen sind so klein und meist überladen.
    Ein Wahitsu (ein Zimmer mit Tatami) zu sehen ist heute schon die Ausnahme.
    Ich hatte das Glück in einem Haus zu leben wo Tradition noch angesagt war.
    Ich übe mich auch noch immer in meinem Haus Dinge zu reduzieren…es ist sehr schwer für mich.
    Danke dir für deinen wunderschönen Artikel.
    L.G.Edith.

  3. Frederike

    Ein toller und wichtiger Ansatz! Die Gedanken, die du beschreibst, treiben mich auch schon länger um. Als wir vor zweieinhalb Jahren in unser Haus eingezogen sind, habe ich mich erstmal richtig „ausgetobt“ und alle möglichen Dinge gekauft, die ich auf Designblogs, SLI usw. gesehen hab. Allerdings war ich nie wirklich zufrieden. Erstens wusste ich teilweise gar nicht, wo und wie ich diese Dinge platzieren sollte, damit sie am besten wirken. Und zweitens haben sie teilweise gar nicht zu uns gepasst. Das macht auf Dauer natürlich nicht glücklich.
    Heute habe ich die Einstellung, dass eine Einrichtung Zeit braucht. Also hab ich vieles wieder verkauft und mich nochmal neu geordnet, mir überlegt, was wir wirklich brauchen und was uns wichtig ist. Wie du schreibst, lieber wenige ausgesuchte Stücke (egal ob Deko, Möbelstücke, Kleidung oder Spielzeug) als sich die Bude mit allem möglichen vollzustellen.
    Im Bad habe ich übrigens den Anfang gemacht, unglaublich, wie viele Dinge man hier lagert, die eigentlich gar nie gebraucht werden! Nach und nach möchte ich dieses Konzept Raum für Raum und für alle Lebensbereiche umsetzen. Einfach bewusster leben – das ist mein Ziel.

    Liebe Grüße zu dir!
    Frederike

  4. MimivanBommel

    Minimalismus ist gerade auch bei mir ein großes Thema. Meine Gedanken kreisen immer wieder darüber, wirklich Klick gemacht hat es wahrscheinlich vor ca. 2 Jahren. Ich liebe Geschenke! In beide Richtungen, soll heißen, ich schenke wirklich gerne und ich bekomme auch gern welche. Und ich hatte einfach keine Wünsche, ich hatte ja schon alles und soviel mehr. Die Wohnung war übervoll und ich hab mich in meiner eigenen Wohnung nicht mehr wohl gefühlt, ich hatte das Gefühl zu ersticken. Ich miste immer wieder aus und mittlerweile tue ich mir leichter Dinge weg zu geben. Mir ist meist nur wichtig, dass die Dinge einfach weitergehen an jemand der sie weiter benutzt. Manches hab ich auch verkauft. Ich führe mittlerweile Listen mit meinen Wünschen und versuche mir nicht alles einfach selber zu kaufen. Manche Wünsche verschwinden einfach von selber wieder. Ich kann mich dem Konsum auch nicht zu 100 Prozent entziehen, aber man muss einfach wieder mehr darüber nachdenken was man sich kauft und warum. LG Mimi

  5. Liebe Pepper, total reduziert zu leben, wäre mein Idealzustand, ich miste zwei mal im Jahr konsequent aus – die Tage sind die Kleidungsstücke dran, die es jetzt schon drei mal in den Recall geschafft haben, soviel zum Thema Konsequenz 🙂 ich nehme mir immer Zimmer für Zimmer vor, das Spielezimmer kommt immer zum Schluss. Kleidung versuche ich zu recyclen, wenn möglich, den Rest gebe ich weiter. Kindersachen bringe ich zu Mutter-Kind-Einrichtungen, Frauenhäuser, Einrichtungen für Flüchtlinge… Eigentlich gibt es immer jemanden, der sich darüber freut. Frohes Minimieren, glg Uli

  6. Ein großes und wichtiges Thema in der heutigen Gesellschaft 🙂 Viel anzuhäufen kann mit Verlustangst zu tun haben. Ob es nun ein Vermächtnis des Krieges ist oder ein frühkindlicher Mangel an Aufmerksamkeit oder anderem… oder der Überfluss entsteht einfach nur aus einer Angewohnheit heraus. Es gibt ja viele Theorien dazu und ich finde es sehr befreiend und lohnenswert sich mit dem Thema zu befassen. Man lernt viel über sich. Ich fühle mich viel sicherer und gelassener, seitdem ich mich reduziert habe und bewusst einkaufe. Davon abgesehen finde ich es auch für unsere Umwelt wichtig, darauf zu achten keinen unnötigen Müll zu produzieren. Nach und nach gehen mir immer mehr Lichter auf, total spannend:)

    Beste Grüße,
    Nora

  7. Ein cleanes, minimalistisches Einrichtungskonzept mag für mich auf den ersten Blick reizvoll aussehen, aber ganz ehrlich? Ich pass da überhaupt nicht rein. Und für mich soll eine Wohnung ja ein Stück auch Ablenkung sein, Ablenkung von harter Arbeit, Ärger etc. Meine Wohnung und die Einrichtung ist mein schützender Cocon, in welchem ich nicht auch noch ständig konzentriert sein möchte. Ich liebe es, dass meine Wohnung bunt und lebendig aussieht. Es wiederspiegelt meine Persönlichkeit, ich fühle mich hier wohl und geborgen. Reduziert leben ist also für mich persönlich keine Art zu leben. Das heißt nicht, dass ich es verurteile, wenn Menschen so leben – im Gegenteil, ich finde es spannend. Aber ich liebe all den Krempel, den ich hier habe. Ich häufe ja auch nicht wahllos an (schauen wir mal nicht in Richtung Bücherregal… wobei wahllos es hier ja auch nicht zugeht), sondern viele Dinge sind mitunter Erinnerungsstücke, von meinen Großeltern, von meinen Eltern, von Freunden (wobei hier wiederum gesagt sei, dass ich auch nicht jeden Schnipsel oder so aufhebe).

    • Viele Dinge kaufe ich auch gar nicht neu, sondern sind vom Flohmarkt und haben meist schon einige Jahre auf dem Buckel.
      Trotzdem wünsche ich dir natürlich ganz viel Erfolg mit deinem Vorhaben – ich finde es, wie gesagt, sehr spannend, was andere so umtreibt und warum sie sich entscheiden, einen bestimmten Wohnstil zu leben/ ein bestimmtes Wohnkonzept durchzuziehen.
      Liebe Grüße,
      Linda

    • Ich verstehe, was du meinst, aber warum sollte man in einer reduzierten Umgebung konzentriert sein müssen? Entspannen kann man sich ja auch in einer Umgebung, die frei von unnützen Gegenständen ist. Das Wohlbefinden an Gegenständen festzumachen ist genau das, was ich vermeiden möchte.

  8. *Entmüllen in einer Zeit des krassen Überflusses!*
    Wir importieren zu günstigsten Preisen, kaufen zu viel und erhöhen unsere Müllberge – d.h. Entsorgung mit hohen Kosten. Konsum ist Kampf gegen schlechtes Material (Schadstoffe, sogar Gifte, mangelhafte Verarbeitung…), Missbrauch und Elend von Mensch (Löhne, Arbeitsbe- dingungen…) Natur und Tier (kein „Bewahren“ unserer Schöpfung, sondern Ausbeuten..) Ich verkaufe Brauchbares und spende den Erlös für einen Hausbau (YWAM) für von Naturkathastophen Geschädigte (Nepal, Panama) u. überlege zweimal, ob ich Dinge nicht nur bewundern könnte, sie auf meine Herzens-Festplatte speichere, sie nicht kaufe, weil ich die nicht brauche. Mir ist aber auch wichtig, dass wir diese „Klarheit“ auch in unser eigenes Leben mit hinein nehmen. Jeder Mensch braucht eine „gesunde Hygiene“ für Geist, Seele und Leib. Ohne die wird die Hygiene (hat nichts mit Wasser und Seife zu tun) im Umfeld nur bruchstückhaft bleiben, auch wenn alles sehr „clean“ und geordnet ist ( a. d. Seminar ü. Hygiene für G.,S. & L., Prof. Dr. U. Giesekus – toller Psychologe).
    Soweit so gut. Ein Gegenargument ist aber auch:
    Instagram, Pinterest, Blogger und die vielen anderen, die sich im Netz tummeln, leben genau von unserer Sehnsucht „will ich haben, so amazing, super, toll, how beauty…“! Das eine wie das andere hat seine Berechtigung! Sich in dem weltumspannenden Angebot zurecht zu finden ist ein Anspruch und verlangt große Disziplin (mal mehr, mal weniger)! Weil uns letzteres meist mangelt, „verkaufen“ wir uns manchmal und müssen wieder „entmüllen. Fröhliches und mutiges loslassen!

Yea, ein Kommentar! Ich freu mich!