Neuseeland // Das Höllenloch des Pazifik und ein Schock am Abend

13. März 2013

Wir machen uns am Vormittag auf den Weg nach Russell. Zufällig entdecke ich auf einer Broschüre  eine Werbeanzeige für eine Galerie bei Helena Bay. Spontan halten wir dort und schauen uns die Ausstellung an. Wunderschöne Handwerkskunst gibt es zu kaufen, eigentlich sogar die schönste, die ich auf der ganzen Tour gesehen habe. Ganz besonders gut gefallen uns zwei Anhänger, aus Walzähnen geschnitzt. Bei vielen Anhängern aus Knochen hat man den Eindruck, dass sie aus Kunststoff gefertigt sind. Aber diese hier sehen nach echtem Maori-Schmuck aus, ganz wunderbar unperfekt. Als hätte ein Krieger sie gerade erst vom Hals genommen und in die Vitrine gelegt.
Unperfekt ist leider auch der Preis: 325 $ pro Stück.
Sicher kennt ihr das Gefühl, etwas von Herzen gern haben zu wollen, aber der Verstand schreit: bist du irre? Das kannst du dir nicht leisten!

Ohne Schmuck geht es also weiter nach Russell an der Bay of Islands.
Anfang des 19. Jahrhunderts kamen Händler und Walfänger in die damalige Maorisiedlung und errichteten das erste Handelszentrum Neuseelands, für kurze Zeit war es sogar die Hauptstadt des Landes. Die Stadt am Hafen war eine beliebte Anlaufstelle für allerlei Gesindel: raue Seefahrer, Walfänger und Häftlinge aus Australien, weshalb die Stadt bald “Höllenloch des Pazifik” genannt wurde.
Heute ist Russell ein idyllisches viktorianisches Städtchen mit historischen Holzhäusern und der ältesten Kirche des Landes. Ein Spaziergang an der Hafenfront fühlt sich an wie eine Zeitreise.

Russel Seitenstraße 3


Wir bleiben nicht lange, denn leider ist das das Prizip einer Campervan-Tour. Anhalten. Anschauen. Weiterfahren.
Es geht schon wieder auf den Abend zu, deshalb halten wir Ausschau nach einem Schlafplatz. Wir fahren eine ganze Weile, ohne einen Campingplatz zu finden.
Als die Sonne schon langsam hinter den Hügeln versinkt, entdecke ich eine unscheinbare Abzweigung, die zu einem ruhigen Fluss führt.  Der Weg endet direkt am Wasser, wahrscheinlich eine Zufahrt für Boote.
Kein Verbotsschild. Kein Briefkasten oder andere “Privat” – Merkmale.
Wir beschließen, die Nacht hier zu verbringen. Den Camper stellen wir ganz ans Ende des Weges, damit man ihn von der Straße aus nicht sofort sieht.

camper am fluss
Nach einem Teller Baked Beans bauen wir das Bett auf und lesen.
Bei einem Blick nach draußen fällt uns auf, dass das Wasser des Flusses irgendwie näher am Camper ist als vorher. Das könnte unangenehm werden. Wir müssen das Auto ein paar Meter zurück fahren wenn wir heute Nacht nicht davon schwimmen wollen.
Da wir das Auto schon von innen verriegelt haben, müssen wir über die Seitenschiebetür aussteigen, diese kann man nämlich von innen trotzdem öffnen.
Barfuss und in Schlafkleidung stehen wir nun draußen und mit einem kräftigen Schwung fällt die Schiebetür ins Schloss.
Ein Schnappen. Dann Stille.
Wir sehen uns an, unsere Augen weiten sich, mir wird kalt und heiß zugleich, meine Nackenhaare stellen sich auf. Langsam sickert eine Erkenntnis durch mein vor Entsetzen gelähmtes Bewusstsein.
Wir sind beide draußen. Alle Türen sind zu. Der Schlüssel liegt drin.
Das nächste Haus ist kilometerweit entfernt, die Straße kaum befahren. Wir haben kein Handy.
Wir überprüfen jede Tür, jedes Fenster. Alles ist fest verschlossen.
Was machen wir jetzt? WAS machen wir jetzt? WAS MACHEN WIR JETZT?
Ich bin geschockt und ratlos. Aber trotzdem…tief im Inneren bin ich irgendwie ruhig. Irgendwas ist da, was mir Zuversicht gibt.
Dieses Irgendwas ist Vertrauen. Darauf, dass Gott uns helfen wird.
Während mein Mann an den Schiebefenstern rüttelt, bete ich. Ich bitte Gott darum, mir zu sagen, was wir tun sollen.
Michael will die Scheibe einschlagen. Ich bin dagegen, weil wir dann die restliche Zeit mit einem offenen Camper herumfahren müssen, eine Einladung für jeden Dieb (ja, die gibt es tatsächlich auch in Neuseeland). Ganz zu schweigen von den Kosten für die zerbrochene Scheibe.
Aber alles Andere scheint nicht zu funktionieren.
Ich bete weiter, während Michael mit einem Stein auf die Scheibe einschlägt.

Ihr müsst so lange an der Scheibe rütteln, bis das Material ermüdet und nachgibt. Ihr müsst fest daran ziehen und dürft dabei nicht nachlassen.

Plötzlich habe ich klar vor Augen, was wir tun müssen. Die Schiebefenster überlappen sich in der Mitte. Michael schiebt seine Finger unter die Scheibe und packt sie so fest wie möglich. Dann zieht er mit aller Kraft, rüttelt die Scheibe in alle Richtungen. Zerkratzt sich die Fingerknöchel. Rütteln. Ziehen. Ziehen. Rütteln.
Plötzlich springt sie auf. Wir stehen da und starren das Fenster an. Der Verschluss ist nicht einmal kaputt.
Ich klettere hinein und öffne die Tür.
Ich kann noch gar nicht richtig fassen, was uns da gerade passiert ist.
Gut, dass ich weiß, dass ich mich jederzeit auf Gott verlassen kann. Auch bei solchen Kleinigkeiten.

Das Erlebnis setzt sich so sehr in mir fest, dass ich von nun an bei jedem Verlassen des Campers nach dem Schlüssel frage und ohne zu wissen, dass der Schlüssel bei uns ist, niemals alle Türen schließe.

6 Kommentare

  1. Aiaiaiaiai… Ich glaube ich bin froh, dass ich nicht nachvollziehen kann wie man sich in so einer Situation fühlt. 😉
    Aber mit ein wenig Abstand sind das doch die schönsten Geschichten die man nach so einem Urlaub erzählen kann. 🙂

  2. Was würde ich jetzt gerne mit dem Mann auf der Bank tauschen. Hach.

    Mit Euch dagegen hätte ich nicht gerne getauscht, denn ich wäre wohl nach dem Fluchen in Panik ausgebrochen. Noch vergesse ich in solchen Situationen bisweilen, dass ich mich auf das Universum verlassen kann. Das übern wir noch.

    Herzlich, Katja

Yea, ein Kommentar! Ich freu mich!