Liebe Oma Alice

ich habe deine Handarbeitssachen bekommen. Deine Wolle und die ganzen Strick-und Sticknadeln. In dem halbfertigen Gobelin war die Sticknadel noch genauso drin, wie du sie reingesteckt hast, als du das letzte Mal daran gearbeitet hast. Und das wird auch immer so bleiben. Zum Einen weil es dich ein Bisschen hierher zurückbringt, zum Anderen, weil ich das Werk nicht beenden kann. Ich kann ja nicht sticken, schon gar nicht so fein und gleichmäßig wie du. Ich bin gerade dabei, es zu lernen, aber jedesmal, wenn ich meine Stickarbeit in die Hand nehme, muss ich an dich denken und ich werde traurig. Weil ich dich nicht mehr fragen kann, wie das richtig geht. Ich ärgere mich so sehr, dass ich nicht schon auf die Idee gekommen bin, sticken zu lernen, als du noch gesund warst. Ich war ja jede Woche bei euch, da hätten wir Zeit gehabt. Oder vielleicht auch nicht, wir haben ja so viel gequasselt. Die Zeit ging immer so schnell rum bei dir, plötzlich waren vier Stunden vorbei und manchmal bin ich nur schweren Herzens nach Hause gegangen, weil ich gerne noch mehr Geschichten von eurem Leben und Opa´s Abenteuer in Afrika gehört hätte. Weißt du noch, eigentlich wollten wir ein Buch darüber schreiben. Ich hatte sogar schon den Titel im Kopf.
Ich hätte noch so viel von dir lernen können! Aber Vieles habe ich ja auch schon gelernt. Du bist ein großes Vorbild für mich. Ich hoffe, ich werde auch einmal ein solcher Segen für meine Mittmenschen sein, wie du und meine Mutter.

Natürlich bin ich mittlerweile alt genug zu wissen, dass man den Tod der Großeltern mit großer Wahrscheinlichkeit mitbekommt. Aber als dann der Anruf kam, dass du einen Schlaganfall hattest und im Krankenhaus bist, habe ich mich trotzdem gefühlt, als wäre ich ein Kind, das noch nie vom Tod gehört hat. Als wir dich im Krankenhaus besucht haben und sahen, dass es dir wieder soweit gut geht, war ich unglaublich erleichtert. Und du hast dir nur Gedanken über deine Frisur gemacht und, dass du dein Gesicht eincremen musst. Überhaupt kenne ich keine Frau in deinem Alter, die High Heels trägt und so sehr auf ihre Garderobe und ihre Frisur bedacht ist.

Oma und Opa

Eine Schwäche für Schuhe und Frotteehandtücher hast du gehabt. Und für komische kleine Keksteller. Weißt du noch, wie ich gelacht hab, als du mir einen Keks auf dem Miniteller serviert hast? Sogar ein Foto habe ich davon gemacht. Ich kann mich gar nicht erinnern, jemals bei dir gewesen zu sein und keine Kekse oder Kuchen bekommen zu haben.omas keksteller

Es hat mich furchtbar traurig gemacht, dass du bei der Hochzeit nicht dabei sein konntest, wo du dich doch so sehr darauf gefreut hattest. Es war ein wunderschöner Tag, aber ich hab oft an dich gedacht und dich vermisst. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als wir euch von unserer Verlobung erzählt haben. Ich glaube, du warst nach mir diejenige, die sich am meisten darüber gefreut hat. Wie aufgeregt du den Ring betrachtet hast. Und du hast die ganze Zeit gestrahlt und gelacht. Dein Lachen… wie ein Traktor, hat Pascal gesagt, als er klein war. So ansteckend und unverkennbar. Immer, wenn ich an dich denke, höre ich dein Lachen.

Und deinen saarländischen Dialekt. Der hat einfach zu dir gehört, so unverwechselbar. Mit den ganzen komischen Wörtern, die du benutzt hast…

Als du aus dem Krankenhaus entlassen wurdest, habe ich gedacht, jetzt wird alles gut und du wirst bestimmt doch 100 Jahre alt. Aber schon wenige Tage später kam wieder ein Anruf. Dass du Hirnblutungen hattest und in der Kopfklinik in Heidelberg operiert werden musstest. Als ich dich dort auf der Intensivstation zum ersten Mal gesehen habe, habe ich dich kaum erkannt. Deine Haare abrasiert, das Gesicht eingefallen. Ich habe dich weiterhin jede Woche besucht, manchmal auch zweimal. Ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hast. Ob du die Musik gehört hast, die wir dir mitgebracht haben. Ob du gehört hast, wie ich dir aus der Bibel vorgelesen habe.
Als du später in Sinsheim im Krankenhaus warst hatten wir die Hoffnung, dass du zumindest wieder teilweise gesund wirst. Wir haben dir einen Stift in die Hand gegeben und dir Fragen gestellt. Das Schreiben fiel dir schwer, aber manchmal konnte man deutlich lesen, was du geschrieben hast. Du hast geschrieben “Grüße an alle”. Was mir damals wie ein positives Zeichen vorkam, scheint mir aus heutiger Sicht eher ein Abschiedsgruß gewesen zu sein.
Aber du hast uns damals auf jeden Fall erkannt, einmal hast du meinen Namen geschrieben.
Hast du uns auch nach der zweiten Operation noch erkannt? Ich glaube, die zweite Hirnblutung hat letztendlich alles zerstört, was nach der Ersten noch funktioniert hatte. Unter anderem die Hoffnung auf Heilung.
Manchmal hast du die Augen wie staunend geöffnet, manchmal meine Hand gedrückt. Aber schreiben oder die Lippen bewegen konntest du nicht mehr. Manchmal hast du überhaupt nicht reagiert, wenn wir zu Besuch kamen. Bist nur dagelegen und hast an die Decke gestarrt.
Ich hoffe sehr, dass du keine Schmerzen hattest. Wir haben uns für dich gewünscht, dass du erlöst wirst, aber du musstest diesen Zustand 1 1/2 Jahre ertragen.

Ich freue mich sehr für dich, dass du jetzt endlich zu Hause bei Gott bist! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie schön es da sein muss, aber ich bin mir sicher, dass du einen besonderen Platz bekommen hast. Ich weiß, dass es dir besser geht als jemals auf der Erde. Aber ein Bisschen traurig bin ich trotzdem.

Du fehlst mir so!

In Liebe,

deine Pepper

Oma und Kinder

Wir verbringen zu viel Zeit mit Belanglosigkeiten.
Wie viel Zeit verbringst du zu Hause vor dem PC und wieviel Zeit investierst du in Besuche bei deinen Großeltern und Eltern?
Eine Woche nach dem Tod meiner Oma am 26.06.13 kam mein Opa (der Mann der anderen Oma) ins Krankenhaus. Inzwischen geht es ihm wieder besser, aber man kann nie wissen, wieviel gemeinsame Zeit einem noch bleibt.
Besuche deine Großeltern und Eltern. Lerne sie kennen. Lass sie dir von ihrem Leben erzählen. Höre dir ihre Ratschläge an. So habe ich erfahren, dass mein Uropa ein Seefahrer war, der ein Äffchen als Haustier hatte. Ich bin gespannt, wie viele spannende Geschichten noch auf mich warten…
Nichts ist spannender als eine Reise in die Vergangenheit, die zu deiner Entstehung geführt hat.

Ich werde dieses Wochenende mit meinem Opa verbringen.

12 Kommentare

  1. Wie recht du hast! Ich vermisse meine Großeltern so sehr und trotzdem verbringe ich viel zu wenig Zeit mit meiner Oma, mit der ich noch Zeit habe! Danke für die Erinnerung! Ich ruf jetzt mal die Oma an!
    xo Zoe

  2. Ich habe deine Oma auch total gemocht, es stimmt, dass man die Großeltern viel zu wenig sieht und die Zeit mit ihnen vielleicht manchmal gar nicht zu schätzen weiß

  3. Ein sehr bewegender Brief ich bin mir sehr sicher, dass sich deine Oma sehr darüber freut.
    Letztes Jahr an Allerheiligen habe ich einen Post mit ähnlicher Motivation geschrieben, obwohl wir da noch nicht mal wussten, dass mein Vater Krebs hat. Jetzt ist er schon 6 Monate tot und jedes Mal, wenn ich einen Himmel sehe wie ich ihn heute gepostet habe, dann ist da die Frage in meinem Hinterkopf, ob er ihn mir geschickt hat, um mir zu zeigen, dass er jetzt wieder strahlen kann – etwas, dass er die letzten Monate vor seinem Tod nicht mehr konnte.
    Aber ich weiß, dass er bis zuletzt jedesmal strahlte, wenn wir ihn besuchen kamen, auch da, als er kaum noch sprechen konnte.

    Als ich kürzlich die alten Fotoalben meines Vaters gesichtet habe, wurde mir sehr schmerzlich bewusst, dass er meinem Sohn nicht mehr wird erzählen können, was er mit seien Kumpels früher für Streiche ausgeheckt hat, wie es war, als er mit 16 und dem Fahrrad die Alpen überquert hat, als Geselle quer durch Europa reiste oder im Rentenalter den Entschluß fasste, jetzt segeln zu lernen.
    Meine Mutter weiß zu den meisten Bildern nichts. Nur in mir drin sind diese Geschichten noch, weil sie mir wichtig sind und irgendwie lebt Bens Opa damit auch für ihn weiter.
    Spätestens wenn er mit Opas Fernglas den Horizont erkundet, dann werde ich sie ihm erzählen… immer wieder.
    Und Du wirst deinen Kindern später Omas Gobelin zeigen und dazu liebevolle Geschichten von ihr erzählen, da bin ich mir ganz sicher.

    Herzlich, Katja

  4. wunderschön geschrieben und so rührend… ich hatte leider viel zu wenig zeit mit meinen großeltern, konnte nicht mal mehr alle kennenlernen… du hast so recht man sollte die zeit die man mit ihnen hat nutzen 🙂 viele liebe grüße julia

  5. Pepper <3 Oh Mann, mir fehlen die Worte. Nein, eigentlich fehlen sie mir nicht. Aber es ist irgendwie zu viel. Für hier. Für jetzt. Irgendwie.

    Ich freue mich sehr, dass ich unter all den vielen Blogs Deinen entdeckt habe. Du gehst mir echt ans Herz. Das tut ein bisschen weh. Aber das ist gut so.

  6. ein wunderbares gedenken an deine oma. freu dich an all den schönen erinnerungen.
    und recht hast du – bei all der hektik im alltag, muss man sich einfach zwischendurch zeit nehmen – für sich und andere. denn sonst kann man keine erinnerungen entstehen lassen.
    es grüßt, mit einem kloss im hals,
    die frau s.

  7. Ein sehr schöner Bericht, ich hätte sie nicht besser beschreiben können. Ich kann leider nicht viel dazu schreiben weil ich vor tränen die tastertur nicht mehr sehe.

  8. Ich habe jetzt erst Deinen Artikel über Deine Großeltern gelesen; er ist wunderbar. Ich habe meine Großeltern auch sehr geliebt und gelitten, als sie gestorben sind. Und ich bin froh für jedes Mal, das ich bei und mit ihnen war, vermisse sie sehr und hätte gern noch so viele Fragen gestellt!

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