Zeitreise // die Kassette

Die Kassette ist wohl das Symbol schlechthin für den Übergang von “früher” zu “heute”.
Im Jahre 1963 wurde dieser, von Lou Ottens erfundene, Tonträger durch die Firma Philips auf den Markt gebracht und war jahrzehntelang eines der meistgenutzten Audio-Medien. Durch die Einführung der CD in den 90er Jahren verlor dieses Symbol unserer Kindheit allerdings schnell an Bedeutung und im heutigen Zeitalter des freien Downloads, des Musikstreamings und anderer Formen der digitalen Tonträger, ist sie gänzlich ausgestorben.

Gerade muss ich beim Schreiben eine Pause machen, ich starre aus dem Fenster, ein Lächeln auf dem Gesicht. Der Erinnerungsnebel wabbert in meinen Gedanken umher. Die Kassette war nicht einfach nur ein Tonträger. Sie war ein Lifestyle.
An aktuelle Musik heranzukommen ohne das ganze Taschengeld auszugeben, war nur auf einem Weg möglich: man musste die Songs aus dem Radio aufnehmen. Das bedeutete ständige Wachsamkeit, man wusste schließlich nie, wann der gewünschte Song anlief und dann hieß es schnell sein. bei den ersten Anfangstönen zum Kassettenrekorder hechten, über Hindernisse hinweg, die Sammlung der blauen Flecken erweiternd. Im Sprung den “Rekord”-Knopf gedrückt. Geschafft. Jetzt muss der Song nur noch durchlaufen, ohne, dass eine Eilmeldung dazwischenfunkt oder der Moderator schon vor Ende des Titels anfängt zu quatschen oder mitzusingen. Wenn das klappt – Erfolgserlebnis. Glücksgefühl. Wenn nicht, bleibt nur eins: zurückspulen und auf eine neue Chance warten.

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Ja, das war was. Zurückspulen, Vorspulen, immer nach Gefühl den richtigen Zeitpunkt abpassen. Vor, zurück, wieder ein bisschen vor. So lange, bis man die richtige Stelle gefunden hat.
So stellte man sich nach und nach ein Mixtape mit den aktuellen Lieblingshits zusammen. Kein Song war wirklich komplett vom ersten bis zum letzten Ton drauf, aber das störte niemanden. Und wenn man von der Musik genug und keine leere Kassette hatte, wurde einfach alles wieder überspielt und das Theater ging von vorne los.

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Wisst ihr noch, wenn das Band sich aufgefädelt hat und man mit dem Finger oder einem Stift so lange an der Spule drehen musste, bis es wieder aufgerollt war?
Oder wenn man eine gekaufte Kassette, die bereits bespielt war, neu bespielen wollte, musste man oben auf die zwei Aussparungen Tesafilmkleben, sonst konnte man nichts Neues Aufnehmen. Was war ich stolz, als sich mir diese Möglichkeit offenbarte.
Als ich meine erste eigene “Anlage” bekam, hatte diese sogar zwei Kassettenfächer. Ich konnte also Songs von einer Kassette auf die andere überspielen. Und da die Anlage auch einen Plattenspieler hatte, konnte ich auch meine Platten auf Kassette aufnehmen. Das war Hightech pur! So konnte ich meine heißgeliebte Survivor Platte auch mit dem Walkman beim Zeitungaustragen hören. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Bei mir und meinen Freundinnen sehr beliebt war auch das Selbstbesprechen von Kassetten. Jeder hatte einen Rekorder mit Mikrophon und so wurde fleißig berichtet, was den tag über los war, es wurde gesungen, Talkshows imitiert und bekannte und fremde Leute interviewed. Die Kassette wurde dann immer wieder hin und her gegeben bis sie voll war.
Einmal bin ich mit meiner Freundin und einem lila Kassettenrekorder durch unser Dorf gelaufen, wir haben an den Haustüren geklingelt und die Leute befragt, was Weihnachten für sie bedeutet und wie sie es feiern. Ich erinnere mich genau daran, wie einer uns einfach nur ein einzelnes Wort hinschleuderte, mit dem wir beide überhaupt nichts anfangen konnten: Konsum. Dieses Wort hatte ich zuvor noch nie gehört.
Leider sind diese Aufnahmen irgendwie verschwunden. So wie die Kassette überhaupt. Eine einzige habe ich noch, eine von denen, die wir mit unserem vermeintlich lustigen Gequassel bespielt haben.
Anhören kann ich sie nur noch in meinem Auto, den nur dort habe ich noch einen Kassettenspieler.

Zeitreise Kassette

Die Lieblingsmusik auf einer Kassette zu haben war nicht selbstverständlich. Es war eine wertvolle Sammlung, die man sich mit etwas Glück und Geschick zusammengebastelt hatte. Und es hat Spaß gemacht!

Ja, so war das damals mit der Kassette… Ruhe in Frieden!

11 Kommentare

  1. Kasseten kommen wiedern…
    es gibt eien richtige Sammel leidenschaft was kasseten Betrifft, NUR weren die kasseten deks auf cd anlagen nicht mehr eingeuabt ein grund wieso ich meine anlage noch habe obwohl sie kaum noch eine cd abspiel^^

  2. Ich habe noch ganz viele Kassetten…alles Kinderhörspiele und mein Papa hat noch ein Kassettendeck in seiner Anlage…wenn du also mal Bedarf hast 😉

  3. ich hab noch etliche kassetten zu hause. an einem silvester vor ein paar jahren, haben herr m. und ich uns den spass gemacht und unsere tapes durchgehört. wir haben uns königlich amüsiert!
    es gibt bei uns noch genau ein tragbares kassettenradioteil, in dem die dinger ohne probleme laufen. und das ist auch gut so, denn ich höre mit vorliebe die alten ???-kassetten, die ich sammel.
    ein hoch auf kassetten! 🙂
    wünsche dir ein wunderbares wochenende,
    die frau s.

  4. oh ja das kenn ich auch alles noch, ich hab auch noch ein paar exemplare die mein bruder und ich vollgequasselt haben 🙂 und hörspiele, das war eine richtige sammelleidenschaft bei mir die mit banjamin blümchen anfing und mit den ??? endete, mein kleiner bruder hat sie dann irgendwann fortgeführt und hat heute noch unzählige kassetten in seiner sammlung… die kassette hatte was magisches <3 viele liebe grüße julia

  5. Sie ist doch nicht tot, hier ist sie sehr lebendig. Zwei meiner alten Mixtapes hab ich noch. Und wart mal ab, bis dein Nachwuchs da ist, dann finden automatisch Berge von Kinderkasetten den Weg in die Wohnung – Flohmärkte geben genug her. 🙂

    Herzlich, Katja

    • Da muss ich mir dann erst wieder ein Abspielgerät kaufen, sonst muss ich das Kind immer ins Auto setzen 🙂

    • Haha, ganz echt: Irgendwann während unserer Südafrikazeit hab ich gesagt: Warum brauchen manche Eltern Babysitter wenn sie ein Auto haben? Kind ins Auto und mal (mindestens) ne halbe Stunde Ruhe… und unsere Forschungskarre hatte noch nicht mal ein Kassettendeck. Aber Bohrgeräte, Erdnüsse in allen Ritzen, Federn, Mangos, Landkarten…

    • Katja hat recht, da tauchen hier und da auf einmal Kassetten auf!
      Wir müssen uns jetzt auch mal nen Rekorder besorgen. Kassetten haben für mich auch so einen robusten Charakter, CDs sind ja lange nix für Kinderpatschhändchen.
      Ha, Pepper, dann können unsere Mädchen bald zusammen hören und auch mal tauschen. Oder sich Hör-Nachrichten schicken. Das wär genial. Naja. Bis sie dann Smart-Telefone haben.

    • Ich hab schon mal bei ebay nach so kleinen Geräten geschaut. Aber Elektrogeräte bei ebay ist immer so ne Sache…

  6. Ja, ich erinnere mich. Und auch als Geschenk für den Liebsten war das immer was. Eine Zusammenstellung der Lieblingslieder… ich habe mir immer Vokabeln draufgesprochen und dann so gelernt. Deine Serie finde ich übrigens ganz toll (vor allem, weil ich aus aus dieser Generation stamme).
    Liebe Grüße, Dani

  7. mein erster kassettenrecorder war reiner recorder und abspieler, ohne radiofunktion. beim aufnehmen von im radio laufenden songs mussten alle ganz leise sein, weil jedes nebengeräusch natürlich mit auf das band gebannt wurde. nur der wellensittich hielt sich nicht daran und so hatte ich eine reihe kassetten mit — wie ich damals fand —unheimlich toller musik, überlagert von fröhlichem vogelgezwitscher 🙂 und: das hübschmadamchen hat als kleines mädchen ihre pumucklsammlung in kassettenform begonnen und wollte sie unbedingt in diesem medium fortführen, weil alle kassettenrücken gemeinsam ein großes bild ergeben. irgendwann war es dann aber so viel komplizierter kassetten zu bekommen als cds; und in sehr absehbarer zeit werden vermutlich letztere auch zu raritäten werden … huch, ich komm mir grad alt vor.

Yea, ein Kommentar! Ich freu mich!